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Erreichen die Staatsschulden eines Landes 90 Prozent des Bruttosozialprodukts gerät es allen bisherigen Erfahrungen nach in ernsthafte Schwierigkeiten, da sich dann die Investoren zurückziehen und die Verbraucher aus Angst vor der Zukunft nicht mehr konsumieren. Amerika hat seine Schmerzgrenze im zweiten Quartal dieses Jahres überschritten.


Vor der Finanzkrise wurde in den USA 70 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung durch die Verbraucher erbracht, also durch den Konsum von immer größeren Autos und Häusern. Ohne diesen durch den Staat geförderten Konsum wäre die amerikanische Wirtschaft zusammengebrochen.


Der Finanzsektor in den USA erwirtschaftete vor der Krise 40 Prozent der Unternehmensgewinne. Bei 40 Prozent lag auch der Anteil der Harvard-Absolventen die im Finanz- und Wirtschaftssektor Jobs annahmen. Heute arbeiten nur noch 9 Prozent der Amerikaner in der verarbeitenden Industrie. Seit 10 Jahren wurden in den USA nettobereinigt keine neuen Jobs mehr geschaffen, obwohl das Land in dieser Zeit 25 Millionen Menschen aufgenommen hat. Die Arbeitslosenquote liegt offiziell bei 10 Prozent. Zählt man jene mit, die aufgegeben haben, die nicht suchen und sich nirgendwo melden, dürften es 20 Prozent sein.


Nun behaupten die Apostel des neuen Kapitalismus, ihre Version der drei Grundthemen – Arbeit, Qualifikation, Konsum – sorge für größere Freiheit in der Gesellschaft. (...) In der Tat, Institutionen, Qualifikationen und Konsummuster haben sich verändert. Ich behaupte (...), dass diese Veränderungen den Menschen keine Freiheit gebracht haben. Warum? Weil die Menschen äußerst besorgt und beunruhigt sind im Hinblick auf ihr Schicksal unter den Bedingungen des »Wandels«. Was ihnen fehlt, ist ein mentaler und emotionaler Anker. Nachdem sich der alte, soziale Kapitalismus aufgelöst hat, erzeugen die neuen Institutionen nur ein geringes Maß an Loyalität und Vertrauen, dafür aber ein hohes Maß an Angst vor Nutzlosigkeit. Die Menschen leiden darunter, dass fortschrittliche Institutionen mit ihrer kurzen, kaum greifbaren Zeitperspektive ihnen das Gefühl einer lebensgeschichtlichen Entwicklung und biografischen Einheit nehmen. Denn ein bloß kurzfristig orientiertes Ich, das vergangene Erfahrungen bereitwillig aufgibt, ist – freundlich ausgedrückt – eine ungewöhnliche Sorte Mensch. Die meisten Menschen sind nicht von dieser Art. Sie brauchen eine durchgängige Biografie und legen Wert auf Erfahrungen, die sie in ihrem Leben gemacht haben.

Richard Sennett / siehe auch: Es fehlt der politische Wille


Wir beschreiben unsere kollektiven Bestrebungen mit ausschließlich ökonomischen Begriffen – Wohlstand, Wachstum, Bruttoinlandsprodukt, Effizienz, Produktion, Zinsentwicklung und Börsenkurse –, als wären es nicht bloß Instrumente für bestimmte soziale oder politische Zwecke, sondern notwendige und hinreichende Ziele an sich. (...) Wir haben das politische Denken verlernt.

Tony Judt


Persönliche und wirtschaftliche Freiheit sind untrennbar miteinander verbunden. Wenn der Staat wirtschaftliche Freiheiten einschränkt, schränkt er immer auch die persönliche Freiheit ein. Politiker, die vom Primat der Politik sprechen, haben nicht nur die Aufgabe des Staates im Marktgefüge nicht verstanden, sondern sie verstehen nicht, dass die Schweiz, Japan oder Singapur sofort da sein werden, um Geschäfte und Wohlstand in ihre Länder zu bringen. Wenn der Staat wüsste, wo der wahre Preis für „Credit Default Swaps“ oder Oliven liegt, hätte die DDR funktioniert. ... [Der Staat wird sich beim Vermögen seiner Bürger bedienen, denn] ihm wird nichts anderes übrig bleiben, um die Stabilität und das Überleben der Gesellschaft zu sichern. Er wird dem Bürger in Zukunft Geld wegnehmen, etwa über Erbschaft- oder Vermögenssteuer, Zwangsanleihen oder Inflation. Leider habe die Deutschen wie in der Vergangenheit die falschen Reflexe. Sie rufen nach einem starken Staat und sind bereit dem ineffizientesten aller Wirtschaftsteilnehmer mehr Macht zu geben. Herr Koehler har sich dazu verstiegen, die Finanzmärkte als Monster zu beschreiben, um die Münteferingsche Heuschrecke zu toppen. Er hat vergessen, dass die Finanzmärkte wesentlich für unseren Wohlstand sind. Funktionierende Märkte können über Risikoteilung und effiziente Kapital und Risikoallokation dafür sorgen, dass die notwendigen Mittel zur Bewältigung von Zukunftsfragen bereitstehen. Dann können wir beispielsweise den Krebs oder Aids besiegen.

Bernhard Scherer


Grundsätzlich glaube ich, dass handwerkliche Fertigkeiten auch in einer Dienstleistungsgesellschaft auf ein menschliches Grundbedürfnis verweisen: den Wunsch, eine Arbeit um ihrer selbst willen gut zu machen. Das meint nicht allein jene Tätigkeiten, die wir unter Handwerk verstehen, die Arbeit mit Holz oder Metall oder Glas. (...) Menschen wollen Fertigkeiten erwerben, um etwas, einen Prozess, ein Handwerk, zum Gelingen zu bringen. (...) Dabei sind Scheitern oder Fehler notwendige Voraussetzungen für Verbesserung. In einem Sozialstaat, wo Arbeitnehmer nicht fristlos gekündigt werden können, bleibt dafür mehr Spielraum, auch wenn er nicht zwangsläufig produktiv genutzt wird. (...) Insbesondere in der visuellen Kunst hat handwerkliches Können stark an Stellenwert verloren. Alles, was zählt, ist die moderne Kunst, sie allein gilt als wahre Kunstform. Die Künstler wiederum entwickeln ihren persönlichen Stil nur, indem sie sich am Markt orientieren. Und der fragt immer nur das Andere, das Neue nach. Kein Künstler kann mehr seinen eigenen Stil entwickeln, er muss Moden folgen. Aber diese meine Position gilt wahrscheinlich als eben unmodisch. Leider!

Richard Sennett: "Die Freiheit, Fehler machen zu dürfen"


Sie sehen eine junge Frau, die orientalisch aussieht und in einer Bar in irgendeiner deutschen Großstadt sitzt. Sie wissen, dass sie in Deutschland geboren und aufgewachsen ist. Ihr Deutsch ist perfekt. Sie haben erfahren, dass sie ein Auslandssemester in England absolviert hat und nun als Werkstudentin in einem erfolgreichen Unternehmen arbeitet. Mit welchem Adjektiv würden Sie diese Frau beschreiben? "Integriert"? Richtig. Voll integriert. Würden Sie aber auf dieser Bezeichnung bestehen, wenn Sie wüssten, dass dieselbe Frau "Jude" als Schimpfwort benutzt und behauptet, dass das jüdische Volk geizig, gierig und unmenschlich sei? Man könnte natürlich auch einfach das Adjektiv "antisemitisch" zur Beschreibung hinzufügen: "Integriert, aber antisemitisch".

Cigdem Toprak: Voll integriert und klar antisemitisch. Oder: Bildung ist nicht alles


Trotz heftigen Protesten gegen die in seiner Studie geäusserte Meinung konnten ihm noch keine faktischen Fehler nachgewiesen werden. Was Sarrazin nach eigenem Bekunden heute am meisten beschäftigt, ist die Tatsache, dass der Migrationsdruck aus Afrika und dem Nahen wie Mittleren Osten in Europa anhalten wird. Vor allem eine Zahl bleibt hängen: Pro Jahr werden in Afrika offiziell 35 Millionen Geburten verzeichnet, sagt Sarrazin. Sollte künftig nur eine Million Afrikaner jährlich nach Europa auswandern, vorzugsweise nach Deutschland, aber dank den offenen Schengen-Grenzen auch in die Schweiz, werden sich die Grundlagen unserer Gesellschaft fundamental verändern.

Roger Köppel


Sarrazin: Was uns immer noch zu schaffen macht, das sind die Spätfolgen der mörderischen Ideologie vom “Untermenschen”. Diese Erfahrung hat uns Deutsche zu Recht tief geschockt und den Rest der Welt auch. Auf die Dauer führt sie aber in eine Art von ethisch hochstehender Wirklichkeitsverweigerung, wenn man sagt, weil es keine Untermenschen gibt, sind alle Menschen gleich. Ich finde, dass die amerikanische Unabhängigkeitserklärung das Problem klug angepackt hat…

Broder: …all men are born equal...

Sarrazin: Ja, born equal, als Gleiche geboren.

Broder: Im Prinzip spricht nichts dagegen, dass sich ein Land abschafft. Holland hat sich abgeschafft, Belgien hat es nie gegeben. England ist im Begriff sich abzuschaffen

Sarrazin: Das habe ich ja auch geschrieben. Letztlich gibt es keinen rationalen Grund, weshalb Deutschland bestehen sollte. Es gibt aber auch keinen rationalen Grund, warum Sie Ihre Frau lieben, falls Sie sie lieben. Emotionale Gründe sind rational nicht hinterfragbar. Bei allen rationalen Argumenten stößt man bei den sogenannten letzten Dingen immer wieder an emotionale Kerne. Die kann man ablehnen oder eben nicht. Es ist, wie es ist. Die Polen lieben ihr Polen, die Franzosen singen die Marseillaise und die Holländer sind froh, dass sie nicht Teil von Nordrhein-Westfalen sind. Das heißt, das Sosein der Völker, die damit verbundene Geschichte und kulturelle Identität, hat für mich ein eigenes Seinsrecht. Was ich auch nicht hinterfrage. (...)

In Afrika werden jedes Jahr 35 Millionen Menschen geboren. In ganz Europa, vom Ural bis an die Felsen der irischen Westküste, sind es fünf oder sechs Millionen. Selbst wenn die Armutswanderung aus Afrika pro Jahr eine Million oder zwei Millionen wäre, es würde an den afrikanischen Verhältnissen nichts ändern, aber unserer Verhältnisse aus der Balance bringen. Und deshalb müssen wir das Prinzip aufrecht erhalten, dass jedes Land, jede Region für seine bzw. ihre eigene Bevölkerung selber sorgt. ...)

Es gibt kein Naturgesetz, das Einwanderung oder Wanderung zwischen Staaten oder Kontinenten zu einer unvermeidlichen Entwicklung macht. Das gibt es nicht, sondern das ist menschengemacht. Als die Buren nach Südafrika zogen, war das ein menschenleeres Land. Und dann haben sie die Schwarzen aus dem Norden geholt, als Arbeitskräfte eingesetzt und sind jetzt eine Minderheit, die irgendwann verschwinden wird.

Broder: Ist das der Preis der Geschichte?

Das ist der Preis der Geschichte, genau. Auch in den USA. Hätten die Indianer eine strikte Einwanderungspolitik betrieben und jedem Weißen unverzüglich wieder ins Meer geworfen, dann stünde es heute anders um die indianischen Nationen.

Broder: Man kann auch sagen: Der Stärkere setzt sich durch.

Deswegen verlaufen Einwanderungsprozesse nicht sehr vornehm. Und sind potenziell auch ziemlich blutig. Diese Mentalität „Piep, piep, piep, wir haben uns alle lieb“ bringt uns nicht weiter. Erstmal muss man fragen, wer wandert ein. Man muss eine rationale Einwanderungspolitik betreiben. Und dann muss man ganz klar machen, dass die, die einwandern, sich vermischen sollten. Wir, die Deutschen waren dazu immer sehr gut in der Lage, die Juden übrigens weitgehend auch.

Broder: In Amerika haben sich die Deutschen praktisch aufgelöst. Ein Viertel der Amerikaner hat deutsche Wurzeln, weiß es aber nicht.

Henryk M. Broder im Gespräch mit Thilo Sarrazin


Der politischen Kaste dämmert allmählich, dass eine der eigentümlichsten Unterströmungen der Globalisierung darin besteht, dass die Sehnsucht nach Identität wächst. Anders gesagt: Je internationaler die Welt, desto nationaler das Gefühl. Sarrazins Buch ist eines, das dieses Bedürfnis spiegelt. (...) Wir haben Probleme mit uns. Tradition? Eher nicht. Wie schreibt man Goethe noch mal? Hat Schillers “Wallenstein” tatsächlich ein Maschinengewehr gehabt, wie wir es im Theater gesehen haben? Darf man im Kölner Dom rauchen? Es sieht so aus, als müssten wir erst mal eine Leitkulturdebatte mit und für uns selber führen. Wir hatten uns nach der Hitlerkatastrophe daran gewöhnt, das lässige Abwerfen unserer kulturellen Identität als demokratischen Erziehungserfolg zu feiern. Nie wieder Deutschland. Die Älteren tauchten in in das Vergessensbad Tiroler Trachtenfilme, die Jüngeren in die amerikanische oder britische Popkultur, wir waren entweder regional oder global, nur deutsch möglichst nicht mehr.

Matthias Matussek


Die „anständigen Deutschen“ fühlen sich ignoriert, missachtet, übergangen, rechts und links liegen gelassen. Zu Unrecht? Zu Recht? Jedenfalls sehen sie es so, spüren sie es so, ist es für sie so: Allzu lange mussten sie zur Kenntnis nehmen, wie der Multikultikult aus den Migranten eine Art bessere Deutsche machte – unspießige Deutsche, weil „so erfrischend anders“, interessante Deutsche, weil aus fremden Welten, sympathische Deutsche, weil arm, weil ungebildet, weil ganz unten angesiedelt in der gesellschaftlichen Hierarchie, weil Opfer des Bösen in dieser globalisierten Welt, weil Opfer insbesondere eines brutal auf wirtschaftliche Effizienz dressierten Deutschland. Die Heilige Jungfrau dieser heiligen Einfalt ist Claudia Roth. (...) Die Menschenrechte! Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit! Haben die Spießer nicht von Politikern und Publizisten eingebläut bekommen, dass Deutschland nie mehr von diesen Werten lassen darf? Verfassungspatrioten sollen sie sein – auf alle Zeit. Nur: Muss das nicht auch für Einwanderer gelten? Und zwar vom ersten Tag an? Doch man gewährt stillschweigend Ausnahmen: Kopftuchausnahmen, Burkaausnahmen, Zwangsverheiratungsausnahmen, Züchtigungsausnahmen, Frauenunterdrückungsausnahmen.

Frank Meyer über Thilo Sarrazin


Alexis de Tocqueville hat schon vor 180 Jahren in seinem Meisterwerk über die erste, die amerikanische Demokratie erkannt, was dem Westen blüht. Die Gleichförmigkeit des Denkens und die Tyrannei der »erträglichen« Meinungen sind sehr wohl vereinbar mit einem freien Staatswesen. Der Konformismus formiert sich von selber – ohne Gleichschaltung und Geheimpolizei. Dieser Despotismus ist süß und gewollt, und das macht ihn so gefährlich. Man spürt ihn kaum, wenn nicht ab und zu ein »Provokateur« dazwischenfährt. Doch Provokation ist »absolut inakzeptabel«; ergo wird sie nicht mit Argumenten, sondern mit Austreibung bekämpft. Erstens funktioniert es nicht; zweitens schreibt Henryk Broder: »Wären nur ›richtige‹ Meinungen diskussionsfähig, würde sich jede Diskussion erübrigen.« So hat es schon Ludwig Börne, der Provokateur im Biedermeier, ausgedrückt: Das »Vergnügen« des deutschen Bürgertums ist das »Exkommunizieren«. Er fährt fort: »Mit geselligen Stoffen ist es wie mit den chemischen; vereinigt bilden sie einen dritten, neuen Stoff. Aber eben dieses unbekannte Dritte fürchtet man in Deutschland wie den Bösen.« Börnes Feind waren die »steinerne Ruhe«, der »Hass« auf das »Strebende und das Widerstrebende«

Josef Joffe


Sarrazins schroffste, schrecklichste These ist ja, dass eine sozial durchlässige Gesellschaft eine genetisch benachteiligte Kohorte geradezu automatisch am unteren Rand chancenlos isoliert - nicht weil die Chancen fehlen, sondern die Begabungs-Chancen, sie zu nutzen. Dass es also Personen gibt, die einfach nicht Ingenieure oder auch nur Mechatroniker werden können, egal wie viel Geld oder Gutscheine man ihnen zukommen lässt. Und weiter: dass diese Unbegabteren sich stärker fortpflanzen und obendrein unter muslimischen Einwanderern klar überrepräsentiert sind. - Warum soll "unerträglich" sein, dass einer die Welt so beschreibt? Weil sie nicht so ist? Oder weil man es nicht aushält, dass sie so ist? Oder weil sie nicht so sein darf?

sehr wütend: VolkerZastrow - Körperzellenrock


Die Feuilletonisten der "Zeit" rufen igitt und die bei der "FAZ" verdammen bei Sarrazin besonders jene anstößigen Passagen, die er nicht geschrieben hat, aber eigentlich hätte schreiben wollen, und die also erst mühsam konstruiert werden mussten, was sicher eine Heidenarbeit war. Was all die Ausgrenzungstechniker nicht begreifen, ist, dass sich das, was Sarrazin verkörpert, nicht ausgrenzen lässt. Es ist die Wut von Leuten, die es satt haben, das Mittelalter in ihrer Gesellschaft, die einen langen und mühevollen Prozess der Aufklärung hinter sich hat, zurückkehren zu sehen. Die es satt haben, für ihre Angebote an Eingliederungshilfen beschimpft und ausgelacht zu werden. Die es satt haben, über terrornahe islamistische Vereine zu lesen, über Ehrenmorde, über Morddrohungen gegen Karikaturisten und Filmemacher oder zu hören, dass auf Hauptschulhöfen "du Christ!" als Schimpfwort benutzt wird. Debatten aber über Identität und Leitkulturen werden überall geführt in einer zunehmend globalisierten Welt, in den USA genauso wie in Großbritannien, in Frankreich, Holland oder Dänemark. Das schließt Weltoffenheit nicht im geringsten aus. Es bedeutet nur ein Beharren auf Traditionen und Werten, zu denen auch die Religion gehört, die man nicht einfach an der nächsten Bude abgeben möchte. Es sind diese Passagen in Sarrazins Buch, die mir die interessantesten scheinen. In ihnen spricht sich die Melancholie darüber aus, dass die Deutschen nicht nur demografisch an ihrem Verschwinden arbeiten, sondern sich auch von ihren Kultur- und Bildungshorizonten verabschieden. Wer das rassistisch nennt, hat nichts kapiert.

Matthias Matussek


Die widerwärtige, wissenschaftlich selbstverständlich bestens fundierte Einsicht, dass Intelligenz vererbbar sei, steht nur scheinbar im Fokus der Kritik. Denn die Gleichen, die Sarrazin empört einen Eugeniker nennen, glauben ihrerseits inbrünstig daran, dass über Fortkommen und Scheitern letztlich eben doch ein Gen mitentscheidet. Nein, an einem anderen Punkt hat ausgerechnet der Fall Sarrazin gezeigt, dass ein Bündnis aus Politik und Medien alles unternimmt, Kritik als pathologisch, kriminell und eben rechts oder rechtsradikal zu diskreditieren und damit zu unterbinden. Eine kritische Diskussion über den Islam soll in Deutschland unterbleiben, der Islam, so hört man stattdessen, gehört »zu uns«. Sarrazin wird in der SPD bleiben, der deutsche Geert Wilders muss noch gefunden werden. Der wird kommen und eine sehr deutsche Mischung aus Eugenik, Ausländerfeindlichkeit und Hass auf die Unterklassen feilbieten, die das niederländische Original weit in den Schatten stellen wird. Zu danken ist diese wenig erfreuliche Aussicht jenem Meinungskartell, das aus Türken »Muslim und Muslima« macht, aus den USA einen fundamentalistischen Aggressor, aus Israel eine Bedrohung des Weltfriedens und in jedem islamistisch gestimmten Pogrompöbel den gerechten Zorn der vom Imperialismus Erniedrigten und Beleidigten erkennt."

Justus Wertmüller


Bis heute haben wir kein vernünftiges Zuwanderungskonzept. Wir haben zugelassen, dass Millionen Menschen geringer Qualifikation direkt in die Sozialsysteme einwanderten und vom Staat – also der Solidargemeinschaft – unterstützt wurden. Zuwanderer mit vielen Kindern können - ebenso wie Deutsche – über Sozialleistungen ein Familieneinkommen erzielen, das nahe oder sogar über dem Erwerbseinkommen eines arbeitenden Bürgers liegt. Das schafft eine gefährliche Schieflage. Manche Zuwanderer können sogar Geld an Angehörige in der alten Heimat überweisen. Das sind Fehlanreize, die sich Einwanderungsländer wie Kanada oder Australien nicht leisten.

Peer Steinbrück am 14.11.2010 in einem Interview mit der "Bild" ...


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